Das Glück der anderen

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Briefspiel
Das Glück der anderen
Region: Küste
Ort: Edlengut Bleichethal
Zeitraum: 1042 BF
Beteiligt:
Kapitel:


Von Unglauben erfüllt saß Aarwin noch immer in seinem Arbeitszimmer und starrte aus dem Fenster über seine bescheidenen Ländereien - bescheiden, wenn man bedachte mit welchen Ambitionen sein Vater vor über vier Dekaden in die Region gekommen war. Um den Fängen seiner Mutter zu entkommen, hatte Gerfried sich dem kaiserlichen Aufgebot angeschlossen, in Gareth gedient und war mit der Gründung der Markgrafschaft als Kronverweser hierhergekommen. Kronverweser, das musste man sich auf der Zunge zergehen lassen. Vom Baronet ohne Aussicht auf ein Erbe - ein solcher Aufstieg! Doch der Abstieg folgte allzu schnell.
Über zwei Götterläufe hatte Gerfried die Verwaltung der neuen Markgrafschaft zum Laufen gebracht und anschließend alles an den neuen Markgrafen übergeben. Mit Bleichethal hatte man ihm für seine Verdienste gedankt, in den folgenden Götterläufen war er jedoch zusehends an den Rand und schließlich gänzlich von der Macht verdrängt worden. Aarwin konnte vermutlich von Glück reden, dass man ihm zumindest den Titel als Edlen nicht genommen hatte und das erfüllte ihn umso mehr mit Trauer. War es da gerecht, dass andere derart über sein Leben, seine Familie gebieten durften?

Vor wenigen Praiosläufen war ein Ritter auf sein Gut gekommen und hatte um ein Gespräch ersucht, allerdings nicht mit ihm, sondern seinem älteren Halbbruder Adelmar. Auf Wunsch seines Familienoberhauptes sei der Mann, ein gewisser Wando von Richtwald, auf dem Weg in die Rommilyser Mark. Aarwin hatte Basin von Richtwald, besagtes Oberhaupt, während der Kaiserturnei in Gareth kennengelernt; ein zielstrebiger junger Mann, der bereits jetzt wesentlich mehr erreicht hatte, als er selbst in seinem gesamten Leben. Eine seiner Errungenschaften war wohl der Traviabund mit Aarwins Familienoberhaupt. Vea war ein verphext nochmal schlaues und auch sehr attraktives junges Ding, dennoch hatte sie während der Zusammenkunft in Gareth gezeigt, dass sie den Ton in der Familie angab und nicht gewillt war, an diesem Umstand etwas zu ändern. Das Vea nun die Ausbildung seines jüngsten Neffen in der Ferne beschlossen hatte, untermauerte dieses Selbstverständnis ganz offenkundig.

Besagter Wando hatte seinen Dienst als Rittmeister auf den persönlichen Wunsch Basins niedergelegt und war aufgebrochen. Zuerst hierher, zu ihm und seiner Familie. Anschließend sollte es weiter gehen und mit ihm würde sein neuer Page, Hartuwal, die Reise auf sich nehmen. Beide, Vea und Basin, geboten über ihre Leben, über ihre Zukunft. Als Baronin verfügte Vea entsprechend über eine nicht von der Hand zu weisende Macht, zumal das Handelshaus der Familie seiner Kenntnis nach gute Geschäfte machte. Beim jungen Richtwalder verhielt es sich jedoch anders, er war als Junker am oberen Ende des Niederadels anzusiedeln. Hinzu kam, dass er bereits sehr jung zum herzöglichen Jagdmeister der Nordmarken ernannt wurde und dadurch wiederum den Traviabund mit Vea arrangieren konnte, eine Ehe, die ihm gleich noch den Titel eines Edlen eingebracht hatte. Selbst Gerüchte wonach er angeblich eine Affäre mit der Herzogengemahlin habe, stellten ihm kein Bein, im Gegenteil - er wurde als Gesandter des Herzogs bestallt und in die Rommilyser Mark entsandt. Und dort? Dort nutzte er seine Position und wird auch noch zum Landvogt der Mark Rommilyser ernannt. Kannte das Leben denn überhaupt keine Gerechtigkeit?

Sein Halbbruder hingegen hatte nur zu bereitwillig dem Beschluss der Familie zugestimmt. Wieso er den Verlust seines Sohnes derart leichtfertig in Kauf nahm, verstand Aarwin einfach nicht. Wie sollte er auch?
Adelmar hatte für seinen jüngeren Halbbruder auf die Schwertleihe verzichtet, war immer zurückgestanden, um Aarwin den Ritterstand und die Edlenwürde zu ermöglichen. Immer hatte er hinter seinem kleinen Bruder gestanden, ihn bestärkt, beraten und hat ihm darüber hinaus als Schwert gedient. All das würde Aarwin nie verstehen, einfach weil er es nicht sah. Was er jedoch sah, war all das Gute, dass den Anderen wiederfuhr. Doch wollte er sich nicht in Selbstmitleid und Neid ergehen, lieber wollte er sich bemühen, endlich selbst einmal das Glück auf seiner Seite zu wähnen.

Die Ankunft Wandos bedeutete für Hartuwal eine bisher ungeahnte Perspektive. Er würde in der fernen Rommilyser Mark zum Ritter geformt werden, dort eine Anstellung erhalten und seine eigenen Wege beschreiten.
Sicher war jedoch eines, er würde nicht wie seine Vettern und Basen den Weg in ein bürgerliches Leben gehen müssen. Eine Schande, die man auf der Vairnburg entschlossen hatte, abzuwenden - und wenn sich schon Aarwin nicht in der Lage sah, seine Stellung zu verbessern, dann dadurch, dass seine Familienmitglieder ins restliche Reich entsandt würden.