Der Statthalter ist tot

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Harben im Herbst 1035 BF

Der Statthalter ist tot – Windhag und Flotte ohne Führung?

Oh Boron, das Licht des Tages wirkt trüb in diesen herbstlichen Stunden und selbst der Nebelatmer und die Sturmbringerin, die über den Beleman und den Rondrikan gebieten, halten inne.

Kühnbrecht von Grötz ist tot. Im Monat Efferd verstarb der hochgeachtete Vizeadmiral und Burggraf von Harben im tsagesegneten Alter von 75 Jahren nach schwerer Krankheit an einem Fieber und trat seine letzte große Seereise über das Nirgendmeer an. [In Abstimmung mit der offiziellen Chronologie des Aventurischen Boten wurde das Todesdatum Kühnbrechts nachträglich auf den Monat Travia geändert, Anm. des Verf.]

Keine geringere als die ebenfalls betagte Hochgeweihte Yolanda Praiosacker leitete im Praiostempel von Harben den Götterdienst zu Ehren des Verstorbenen, der als Vizeadmiral in Vertretung Herzog Cusimos von Garlischgrötz nicht nur der Kommandierende der Westflotte des Neuen Reiches sondern als dessen Statthalter auch Herr über die Markgrafschaft Windhag war.

Die Menschen der Stadt und auch viele Leute aus den umliegenden Küstendörfern säumten die Straßen, als der Sarg mit dem Leichnam Kühnbrechts von den Kadetten der Harbener Flottenakademie in feierlicher Prozession über die Nebelstiege hinunter zum Efferdtempel getragen wurde. Ein Banner markgräfliche Seeäxte bildete die Ehrengarde des Verstorbenen und zahlreiche Würdenträger folgten dem Sarg und gaben ihm das letzte Geleit.

Da ging Hildgit von Grötz, die Tochter Kühnbrechts, mit ihrer Familie, die wie berichtet wird, in den vergangenen Wochen des Tags an ihres Vaters statt die Amtsgeschäfte führte und des Nachts treusorgend nicht von seinem Krankenlager wich. Es folgten die Kapitäne und Offiziere der Flotte mit der Leiterin der Schule der Seekadetten, Uralina von Aichhain, in ihrer Mitte, auch sie eine langjährige Weggefährtin Kühnbrechts im Dienst zur See. Die Barone von Schattengrund und Südhag, der Vogt von Wettershag sowie die Stadtvögtin und Hafenkommandantin von Harben Haldana Ismena von Streitebeck gaben sich die Ehre. Das ist insofern achtbar, da nicht nur seine Hochwohlgeboren Kühnbrecht von Grötz häufig im Streite mit der Dame von Streitebeck lag, sondern sich seine Tochter Hildgit vor einigen Monden wegen der Erhebung von Zöllen auf der Küstenstraße mit dem Baron Jarek Sturmfels von Schattengrund überworfen hatte (die Fanfare berichtete).

Vor dem Efferdtempel wurde der Zug vom Meister der Brandung Connar von Quintian-Quandt empfangen. Hier war der Statthalter vor sieben Jahren der Tradition gemäß an Land gegangen, um dem Markgrafen Cusimo von Garlischgrötz den Treueeid zu schwören und die Insignien seines Amtes zu empfangen. Mit einer Barke der Efferdkirche wurde der Sarg nun zu der auf Reede bereit liegenden Viermast-Karacke Prinzessin überführt. Das Flaggschiff der Westflotte bringt den Leichnam des Vizeadmirals nach Triveth, wo er in der Familiengruft der Grötz im Kreise seiner Ahnen ruhen wird.

Seit Jahrhunderten stellen die Grötz von Triveth nicht nur die Junker und Hafenkommandanten dieses Hafenstädtchens, sondern haben, ebenso wie z.B. auch die Familien Werenhag und Hinterbrück, stets aufs Neue ebenso fähige wie Efferdgefällige Kapitäne, Seeoffiziere und Navigatoren hervorgebracht. Dahingegen andere große Familien, wie die Aichhain, Sturmfels und Donnerklinge für Ihre große Rondratreue bekannt sind.

Es ist unbestreitbar, dass seine Hochwohlgeboren Kühnbrecht von Grötz in den letzten Monaten und Jahren seines Lebens offen dafür geworben hat, die Dame Hildgit zu seiner Nachfolgerin im Amte des Statthalters zu erwählen. Zwar wurde dies bislang durch den Markgrafen, seine Hoheit Cusimo von Garlischgrötz, durch nichts bestätigt – aber auch in keinerlei Hinsicht dementiert. Allein die Tatsache jedoch, dass seine Hoheit es stillschweigend akzeptierte, dass Ihre Wohlgeboren Hildgit die Vertretung ihres kranken Vaters übernahm, sowie die Gerüchte darüber, dass sie die Ansprüche des mutmaßlich ermordeten markgräflichen Vogtes Udilbert von Hardt d.Ä. im Namen des Markgrafen vertreten soll, schüren die Erwartungen.

Eine weitere offene Frage ist, wer nun nach dem Tod des Vizeadmirals das Kommando über die Westflotte des Neuen Reiches, zumindest über den an Windhags Küsten stationierten Teil, übernehmen soll. Zwar ist der Markgraf als Admiral im Westmeer selbstverständlich der Oberste Herr über alle Schiffe, Häfen und Mannschaften des Mittelreichs an den Küsten des Siebenwindigen Meeres, jedoch weilt Cusimo meist in seinen horasischen Landen, so dass es eines kompetenten Stellvertreters bedarf, der das Kommando in der Flotte vor Ort führt. Mit dem verdienten Seeoffizier Kühnbrecht von Grötz schien er hierfür den geeigneten Mann gefunden zu haben. Doch kann man dies auch über seine Tochter Hildgit sagen?

Nein, bei aller Reputation, diese Befähigung besitze ihre Wohlgeboren nicht, so war es dieser Tage aus den Baronien Schattengrund und Rondbirge zu hören, wo die Barone Jarek Sturmfels und Rianod von Aichhain offenbar eine anderweitige Besetzung der höchsten Ämter in der Markgrafschaft befürworten. Gerüchten zufolge soll es Stimmen geben, welche eine Kür der bisherigen Stadtvögtin Haldana Ismena von Streitebeck für sicher halten.

Doch solches Geschwätz muss provinziell wirken, bedenkt man die Größe der Aufgabe, die in den kommenden Jahren mit der Restrukturierung der Westflotte ansteht. Denn noch immer ist die Flotte seit der Albernischen Separation und dem erfolglosen Kampf Prinz Romins um die Krone des Horasreichs geteilt, liegt neben den durch die Abspaltung Albernias der Gewalt Harbens entzogenen Schiffen auch jener Teil der Flotte in Havena, welcher nach der Schlacht am Kap Windhag Prinz Romin folgte. All diese Schiffe stehen derzeit unter Aufsicht der albernischen Krone.

Wie aus für gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen zu vernehmen ist, soll im kommenden Frühsommer ein großes Adelstreffen in Havena stattfinden. Auch der Markgraf vom Windhag und Admiral im Westmeer Cusimo von Garlischgrötz hat sein Erscheinen angekündigt. Wir alle erinnern uns an seinen denkwürdigen Auftritt vor dem Elenviner Reichskongress, wo er mit Vehemenz das verlorene Erbe seiner Familie in den Nordmarken einforderte und vor dem Hintergrund der Meuterei von Harben schließlich als Markgraf mit dem Windhag belehnt wurde. Welches Husarenstück ist also diesmal von seiner Hoheit zu erwarten? Wird es ihm gelingen, eine Flotte des Westens, von Havena über Harben bis Grangor, unter seinem Befehl zu vereinen? Und wer wird seiner Hochwohlgeboren Kühnbrecht von Grötz im Amte nachfolgen? Kann sich Hildgit, seine Tochter, auch im Range einer Vizeadmiralin beweisen, oder wird dieser wichtige Posten in Havena unter den Augen der Kaiserin zum Spielball der großen Politik werden? Die Havena-Fanfare wird weiterhin berichten.

In Borongefälligem Schweigen gedenken wir eines großen Mannes, Kühnbrecht von Grötz.


Für die Havena-Fanfare, Sektion Harben

Sirlan Holzer (Windwanderer)